10 Aug. Von alten Mythen zu messbaren Ergebnissen: Meine Rauhnächte-Forschung auf der EFAT-Konferenz in London
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Manchmal fangen die spannendsten Forschungsprojekte mit einer simplen Frage an. Vor etwa zehn Jahren arbeitete ich mit jungen Geflüchteten in einem Ausbildungsprogramm. Eines Tages fragte mich einer der Teilnehmer nach typisch deutschen Traditionen. Wir landeten bei den Rauhnächten – und ich hätte damals nicht gedacht, dass aus dieser Unterhaltung Jahre später eine wissenschaftliche Studie werden würde, die ich auf einer internationalen Konferenz präsentieren würde.
Am 4. Juli 2025 stand ich dann im ESGW Auditorium der Brunel University in London vor Kunsttherapeuten aus ganz Europa und stellte meine Forschung vor: „The Intersection of Mythology and Ritual: The Rauhnächte as Inspiration for Art Therapeutic Approaches“. Die EFAT-Konferenz (European Federation of Art Therapy) hatte in diesem Jahr das Thema „Between & Beyond Creativity and Destruction“ gewählt – und meine Arbeit passte genau in diesen Spannungsraum zwischen alter Tradition und moderner Evidenz.
Warum überhaupt Rauhnächte?
Die Rauhnächte sind diese zwölf Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, die seit dem frühen Mittelalter als Schwellenzeit gelten. Der Ursprung liegt vermutlich in der Umstellung vom Mondkalender zum Sonnenkalender – es sind die „übrigen“ Tage, die nicht richtig ins System passten. Und genau diese Nicht-Zugehörigkeit macht sie interessant: Sie sind weder altes noch neues Jahr, weder hier noch dort. Ein liminaler Raum, wie Victor Turner es nennen würde. Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Die mythologische Ebene ist reich: Die Wilde Jagd zieht durch die Nächte, Perchten-Figuren verkörpern Kräfte von Dunkelheit und Licht, die Zeit wird „flüssig“. Traditionell glaubte man, dass jede der zwölf Nächte für einen Monat des kommenden Jahres steht – das Wetter der ersten Nacht sagte den Januar voraus, die zweite den Februar und so weiter. Träume wurden gedeutet, Zeichen beobachtet.
Heute räuchern Menschen mit Beifuß oder Wacholder, vermeiden bestimmte Hausarbeiten, setzen Intentionen und beobachten ihre Träume. Die spirituelle Rahmung hat sich verändert, aber die Praxis bleibt lebendig. Was mich als Kunsttherapeutin interessiert: Diese Rauhnächte sind ein kultureller Container für Innenschau und Übergang. Und Container sind in der Therapie Gold wert.
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Vom Ritual zum Arbeitsbuch
2018 begann ich, die Rauhnächte-Tradition mit kunsttherapeutischen Interventionen zu verbinden. 2020 erschien die erste Auflage meines Buches „Rauhnächte – Eine kreative Reise zu dir selbst“. Seitdem aktualisiere ich es jedes Jahr mit neuen Reflexionen und Erfahrungen. Die dritte Auflage kam 2023 heraus.
Das Buch führt Menschen durch die zwölf Nächte mit strukturierten Übungen, die vier Ebenen ansprechen: künstlerischen Ausdruck, rituelle Praxis, Achtsamkeit und persönliches Wachstum. Jeden Tag gibt es eine andere Aufgabe – mal wird symbolisch losgelassen durch Verbrennen von beschriebenen Zetteln, mal entsteht eine Collage, mal führt intuitives Schreiben zu überraschenden Erkenntnissen.
Die Methoden kommen direkt aus der Kunsttherapie: nonverbaler Zugang zu Emotionen, Arbeit mit Symbolen, kreative Externalisierung von inneren Prozessen. Aber sie sind eingebettet in den mythologischen Rahmen der Rauhnächte, was ihnen eine zusätzliche Bedeutungsebene gibt.
Die Studie: Können Rauhnächte messbar helfen?
2024 war es dann soweit: Ich wollte wissen, ob dieser Ansatz nicht nur subjektiv bedeutsam ist, sondern auch objektiv messbare Effekte hat. Also startete ich im November eine Online-Rekrutierung für eine Vorstudie. Die Teilnehmer kamen hauptsächlich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – vor allem aus Nordrhein-Westfalen, was vermutlich an meinen eigenen Netzwerken liegt.
16 Personen zwischen 22 und 64 Jahren (Durchschnittsalter 41,4 Jahre) warem am Ende auswertbar (fast 100 Personen machten mit). Fast alle hatten einen akademischen Hintergrund, viele arbeiteten in künstlerischen, therapeutischen oder pädagogischen Berufen. Das Sample war klein und nicht repräsentativ – aber für eine Machbarkeitsstudie ausreichend, um erste Tendenzen zu sehen.
Die Interventionsgruppe arbeitete im Dezember 2024 mit dem Rauhnächte-Buch. Ich maß vor und nach der Intervention mit etablierten psychometrischen Skalen: Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Der WHO-5 Well-Being Index erfasst mit fünf Items das emotionale Wohlbefinden der letzten zwei Wochen. Aussagen wie „Ich fühlte mich fröhlich und gut gelaunt“ oder „Ich fühlte mich beim Aufwachen frisch und ausgeruht“ werden auf einer Skala von 0 bis 5 bewertet.
Der Five Facet Mindfulness Questionnaire (FFMQ) misst fünf Dimensionen von Achtsamkeit: Beobachten, Beschreiben, bewusstes Handeln, Nicht-Urteilen und Nicht-Reagieren. Ein differenziertes Instrument, das zeigt, wo genau sich Veränderungen abspielen.
Die Connor-Davidson Resilience Scale (CD-RISC) ist ein 25-Item-Fragebogen zur psychologischen Widerstandsfähigkeit. Sie erfasst, wie gut Menschen mit Stress und Widrigkeiten umgehen können.
Das Meaning in Life Questionnaire (MLQ) unterscheidet zwischen dem Vorhandensein von Lebenssinn (presence) und der Suche danach (search). Eine wichtige Differenzierung, denn beides sind unterschiedliche psychologische Zustände.
Die Spiritual Well-Being Scale (SWBS) habe ich in der Originalversion weggelassen, weil ich sie in der Präsentation nicht erwähnt hatte – aber sie war Teil der Studie und misst religiöses sowie existenzielles Wohlbefinden.
Die Ergebnisse: Was zeigen die Zahlen?
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Die WHO-5-Daten waren am eindeutigsten. Vier der fünf Items zeigten signifikante Verbesserungen (p < 0,05). Die Teilnehmer fühlten sich nach den Rauhnächten deutlich fröhlicher (Mittelwert stieg von 3,06 auf 4,00), entspannter (von 2,44 auf 3,63), ausgeruhter beim Aufwachen (von 3,06 auf 3,81) und fanden ihren Alltag interessanter (von 2,81 auf 3,81). Nur bei „Ich fühlte mich energiegeladen und aktiv“ war die Verbesserung nicht signifikant (p = 0,144) – vermutlich, weil die Rauhnächte eher auf innere Ruhe als auf Aktivierung zielen.
Das emotionale Wohlbefinden hatte sich also messbar verbessert. Das ist interessant für eine Intervention von nur zwölf Tagen.
Bei der Meaning in Life-Skala sah es anders aus. Der Wert für „presence of meaning“ stieg leicht von 23,00 auf 24,06, der für „search for meaning“ minimal von 21,88 auf 22,06. Beide Veränderungen waren nicht signifikant. Meine Interpretation: Die Rauhnächte öffnen Raum für Reflexion, geben aber keine schnellen Antworten. Sie halten Ambiguität aus, schaffen Tiefe – aber produzieren keinen sofortigen Sinn-Boost. Das ist vielleicht sogar ihre Stärke.
Die Resilienz-Werte stiegen moderat von 91,25 auf 97,56 Punkte – ein Unterschied von 6,31 Punkten. Statistisch nicht signifikant, aber die Richtung stimmt. Vermutlich braucht es längere Zeiträume oder größere Stichproben, um hier klare Effekte nachzuweisen.
Was bedeutet das praktisch?
Die Rauhnächte-Methode scheint vor allem eines zu fördern: emotionale Balance und Selbststabilisierung in Übergangsphasen. Sie ist niedrigschwellig – und man benötigt nur das Buch und die Bereitschaft, sich einzulassen. Ritual und Kreativität bilden zusammen eine Struktur, die hält, ohne einzuengen.
Weiterentwicklung: Wohin geht die Reise?
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Die Vorstudie war erst der Anfang. Im Winter 2025 plane ich eine zweite Evaluation. Die Stichprobe soll größer werden, das Design robuster.
Langfristig sehe ich verschiedene Anwendungsfelder:
- Präventive Mental-Health-Arbeit: Die Rauhnächte könnten als niedrigschwelliges Angebot für nicht-klinische Populationen dienen. Emotional resilient werden, bevor die Krise kommt.
- Psychoedukation und Selbstfürsorge-Programme: Das Format lässt sich leicht in Gruppenkurse oder Online-Formate übersetzen. Strukturierte Selbstreflexion, Stressregulation, bewusstes Zielsetzen – alles Themen, die sich mit den Rauhnächten verbinden lassen.
- Ergänzung in der Kunsttherapie: Als ritual-basiertes Modul in Einzel- oder Gruppentherapie, besonders in Übergangsphasen oder jahreszeitlich gebunden.
- Transkulturelle Arbeit: Die Rauhnächte sind europäisch-germanisch geprägt, aber die Grundstruktur – zwölf Tage intensiver Reflexion mit Ritualen – lässt sich kulturell adaptieren. In Kontexten mit Migrations- oder Fluchterfahrung kann das stabilisierend wirken, weil es symbolischen und spirituellen Zugang bietet, ohne religiös gebunden zu sein.
London, die Konferenz und die große Frage
Die EFAT-Konferenz war intensiv auf eine gute Art. Über 200 Kunsttherapeuten aus ganz Europa, dazu einige aus Übersee. Viele Sprachen, viele Ansätze – aber überall dieselbe Frage: Wie machen wir sichtbar, dass Kunsttherapie mehr ist als Malen zur Entspannung?
Das Konferenzthema „Between & Beyond Creativity and Destruction“ traf genau diese Spannung. Wir leben in einer Zeit, in der der WHO-Bericht von 2019 die positiven Effekte der Künste auf Gesundheit betont – gleichzeitig wird „Kunsttherapie“ als Begriff für kommerzielle Wellness-Apps missbraucht. Es gibt „Art Therapy Coloring Books“ auf Amazon, die nichts mit professioneller Therapie zu tun haben. Wir müssen deutlich machen, dass echte Kunsttherapie Qualifikation, Ausbildung, Supervision und einen therapeutischen Rahmen braucht.
Die Diskussion nach meinem Vortrag drehte sich viel um die Frage nach Ritualen in der modernen Therapie. Meine Antwort: Rituale schaffen Container. Sie strukturieren Erfahrungen, markieren Anfang und Ende, machen Übergänge erkennbar. Sie arbeiten mit Symbolen, mit Wiederholung, mit Handlung statt Worten. Genau wie die Kunsttherapie.
Eine Kollegin aus Finnland erzählte mir in der Kaffeepause von ähnlichen Traditionen dort – andere Mythen, andere Namen, aber dieselbe Grundidee: Es gibt Zeiten im Jahr, die anders sind, in denen die Grenze zwischen Innen und Außen dünner wird. Solche Gespräche haben mich bestärkt: Das Prinzip ist universell, auch wenn die kulturelle Einkleidung variiert.
Was ich gelernt habe
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Drei Tage London haben mir noch einmal klargemacht, wie wichtig es ist, dass wir als Kunsttherapeuten forschen. Nicht nur praktizieren, nicht nur Erfahrung sammeln – sondern messen, evaluieren, publizieren. Wir brauchen Daten, wenn wir ernst genommen werden wollen. Und wir brauchen Mut, auch ungewöhnliche Ansätze wissenschaftlich zu prüfen.
Die Rauhnächte sind für mich persönlich bedeutsam. Sie strukturieren meinen Jahresübergang, geben mir Raum für Rückschau und Ausblick. Aber jetzt weiß ich auch: Sie wirken. Nicht nur subjektiv, sondern messbar. Das macht mich stolz und neugierig zugleich – was können wir noch alles erforschen, was bisher nur als „spirituell“ oder „kreativ“ galt?
Wie geht’s weiter?
Die nächste Rauhnächte-Saison kommt im Dezember 2025. Bis dahin will ich die Studie verfeinern, die Kontrollgruppe ausbauen, vielleicht auch qualitative Interviews führen. Mich interessiert nicht nur das „Was“ (welche Effekte gibt es), sondern auch das „Wie“ (welche Mechanismen wirken genau).
Auf lange Sicht habe ich viele Ideen zu diesem Thema: Workshops und Fortbildungen für Kunsttherapeut:innen, die mit der Methode arbeiten wollen, zum Beispiel. Und ich überlege, ob es eine englische Version des Buches geben sollte – nach der Resonanz in London wäre da vermutlich Interesse.
Wenn ihr mehr über die Rauhnächte-Methode wissen wollt, schreibt mir gerne unter Kontakt: Ob für Workshops, Kooperationen oder einfach zum Austausch – ich freue mich über Kontakt.
Die Konferenz in London war eine wunderschöne Erfahrung. Sie hat mir gezeigt, dass die Kunsttherapie-Community offen ist für neue Ansätze, aber auch kritisch nachfragt. Genau so sollte es sein. Wir brauchen beides: die Kreativität, Neues zu wagen, und die wissenschaftliche Disziplin, es zu prüfen.
Die Rauhnächte sind für mich ein Symbol dafür: eine Schwellenzeit zwischen Alt und Neu, zwischen Mythos und Evidenz: Genau in diesem „Between & Beyond“ liegt die Kraft unseres Feldes.
Kunsttherapie Rauhnächte EFAT 2025
Autorin: Christina Vedar, M.A.; Soziologin und Kunsttherapeutin mit eigenem Atelier in Aachen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alanus Hochschule in Alfter, Promovendin an der Uniklinik Essen / Universität Duisburg Essen