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Was ist Kunsttherapie?

20. Aug.
7 Min. Lesezeit


Wenn ich Menschen erzähle, dass ich als Kunsttherapeutin arbeite, kommt fast immer derselbe Satz: „Ach, spannend, aber für mich ist das nichts. Ich kann doch gar nicht malen." Ich muss dann meistens lächeln, denn genau darin liegt das erste große Missverständnis über die Kunsttherapie. In der Kunsttherapie geht es nicht um Talent, nicht um schöne Bilder und nicht um richtig oder falsch. Es geht um die inneren Prozesse der Person, die gestaltet, um ihren Ausdruck und um das, was im kreativen Tun sichtbar werden darf.


In diesem Artikel möchte ich erklären, was Kunsttherapie eigentlich ist, woher sie kommt, wie sie wirkt, wie eine Begleitung abläuft und für wen sie gedacht ist.





Was Kunsttherapie eigentlich ist


Kunsttherapie ist eine Form der Begleitung, die den kreativen Prozess nutzt, um inneres Erleben nach außen zu bringen. Mit Farbe, Papier, Ton oder Collage entsteht ein Ausdruck für Gefühle, Gedanken und innere Bilder, für die uns im Alltag die Worte fehlen.

Das Besondere daran ist, dass der Umweg über das Gestalten häufig ein direkterer Weg ist als das Sprechen. Was sich schwer sagen lässt, kann im Bild einen Platz finden, in einer Farbe, in einer Form, in einer Bewegung der Hand. Man muss es nicht erklären, damit es wirkt. Es darf einfach entstehen. Dies zeigt, wie viel in den Menschen steckt, das über Sprache hinausreicht.


Kunsttherapie ist ein eigenständiges Berufsfeld mit einem fundierten, mehrjährigen Studium auf Bachelor- und Masterniveau. Sie verbindet Wissen aus bildender Kunst, Psychologie, Therapie, Medizin und Pädagogik.


Das Missverständnis mit dem „Ich kann nicht malen"


Kehren wir kurz zu diesem Satz zurück, denn er hält so viele Menschen davon ab, kreativ zu sein. Kunsttherapie ist kein Kunstunterricht. Es geht nicht um Technik, nicht um Ästhetik und nicht um ein gelungenes Ergebnis.

Der Wert liegt im Prozess selbst, im Gestalten, im Wahrnehmen, im Entstehenlassen. Ein Bild darf misslingen. Eine Form darf unfertig bleiben. Ein Strich darf unbeholfen sein. Nichts davon ist ein Fehler, alles davon kann bedeutsam sein. Neugier und Offenheit sind die einzige Voraussetzung, die man mitbringen sollte.


Woher die Kunsttherapie kommt


Die Idee, dass gestalterisches Tun dem Menschen guttut, ist uralt. Schon lange bevor es einen Namen dafür gab, haben Menschen gemalt, geformt und gestaltet, um auszudrücken, was sie bewegt, oder um schwere Zeiten zu überstehen. In fast jeder Kultur findet sich das Schöpferische als ein Weg, mit dem Leben in Verbindung zu bleiben.


Als eigenes Fachgebiet ist die Kunsttherapie jünger. Sie ist im Lauf des vergangenen Jahrhunderts an vielen Orten zugleich entstanden, oft dort, wo Menschen Trost und Halt brauchten: in Kliniken, in der Arbeit mit Kindern, mit Kriegs- und Fluchterfahrungen, mit Krankheit und Genesung. Aus diesen unterschiedlichen Wurzeln hat sich ein vielfältiges Feld entwickelt, mit fundierten Ausbildungen und einer wachsenden wissenschaftlichen Grundlage. Und so unterschiedlich die Wege waren, eint sie ein Gedanke: dass der kreative Ausdruck stärkend und Halt gebend sein kann, gerade da, wo Worte nicht ausreichen.


Wie Kunsttherapie wirkt


Warum hilft es überhaupt, etwas zu gestalten? Aus dem, was ich über viele Jahre in der Begleitung von Menschen beobachten durfte, wirken dabei mehrere Dinge zusammen, und sie lassen sich gut in einfachen Worten beschreiben.

Zunächst schafft das Gestalten Abstand. Was auf dem Papier liegt, ist aus dem Kopf heraus und liegt vor einem. Man kann es anschauen, statt es nur zu denken, und dieser kleine Abstand kann bereits entlasten.


Kunst erlaubt außerdem Vieldeutigkeit. Ein Bild muss sich nicht festlegen, es kann mehreres zugleich ausdrücken, auch Widersprüchliches und noch nicht Benennbares. Damit passt es oft besser zum inneren Erleben als ein einzelner klarer Satz.

Hinzu kommt, dass das kreative Arbeiten den Körper und die Sinne einbezieht. Die Hand ist immer in der Gegenwart, das Material hat eine Farbe, ein Gewicht, eine Beschaffenheit, und dieses konkrete Tun holt die Aufmerksamkeit in den Moment. Und schließlich entsteht etwas Eigenes und Sichtbares, ein Werk, das es vorher nicht gab und das einem selbst gehört.


Dass die Künste einen Beitrag zu Gesundheit und Wohlbefinden leisten können, ist auch wissenschaftlich zunehmend gut belegt. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2019 in einem umfangreichen Bericht die weltweite Studienlage gesichtet. Auf Grundlage von über dreitausend Studien kommt dieser Bericht zu dem Schluss, dass künstlerische Aktivitäten über die gesamte Lebensspanne hinweg eine Rolle spielen können, sowohl in der Vorbeugung und Förderung von Gesundheit als auch begleitend im Umgang mit Erkrankungen (Fancourt & Finn, 2019).


Wichtig ist dabei die ehrliche Einordnung: Kunsttherapie verspricht keine bestimmten Ergebnisse. Was sie anbietet, ist ein Raum und ein Weg. Wohin dieser Weg führt, ist bei jedem Menschen anders. Das Schöne an dieser wachsenden Forschung ist nicht, dass sie Kunst zu einem Medikament erklärt, denn das tut sie ausdrücklich nicht. Sie bestätigt vielmehr etwas, das viele Menschen längst spüren: dass kreativer Ausdruck dem Wohlbefinden guttun kann und ein ernstzunehmender Teil eines gesunden Lebens ist.


Wie eine kunsttherapeutische Begleitung abläuft


Der genaue Ablauf ist bei jeder Kunsttherapeutin (hier dürfen sich die männlich gelesenen Kollegen gerne ebenso angesprochen fühlen) etwas anders, aber ein paar Dinge sind typisch. Am Anfang steht meist ein Kennenlernen. Man erzählt, was einen beschäftigt, und erfährt, wie gearbeitet wird. Gemeinsam schaut man, ob es passt.

In den Sitzungen selbst gestaltet man, manchmal frei, manchmal zu einem Impuls oder Thema. Man entscheidet dabei mit, wie viel man zeigen und besprechen möchte. Das Werk, das entsteht, wird nicht bewertet und nicht über den Kopf hinweg gedeutet. Es wird gemeinsam und in Ruhe betrachtet. Was nimmt man wahr? Was zeigt sich? Was möchte vielleicht noch Raum bekommen? Der kreative Prozess und das Gespräch darüber gehören zusammen, und beides geschieht im eigenen Tempo, ohne Druck.


Einzeln, in der Gruppe oder im Workshop


Kunsttherapie gibt es in verschiedenen Formaten, die sich unterschiedlich anfühlen. In der Einzelbegleitung hat man den geschützten Raum ganz für sich, und das Tempo richtet sich allein nach einem selbst. In der Gruppe kommt die Erfahrung hinzu, gemeinsam mit anderen zu gestalten, ganz ohne Zwang zu reden, aber mit einem stillen Miteinander, das für viele wertvoll ist. In Workshops steht oft ein bestimmtes Material im Mittelpunkt, etwa das Arbeiten mit Ton, und das ist ein wunderbar niedrigschwelliger Weg, den eigenen kreativen Ausdruck kennenzulernen. Welches Format passt, hängt vom eigenen Anliegen und der eigenen Persönlichkeit ab, und das lässt sich gut in einem ersten Gespräch klären.


Für wen Kunsttherapie gedacht ist


Kunsttherapie richtet sich an Menschen, die einen kreativen, nicht rein sprachlichen Zugang zu sich selbst suchen. Sie kann in ganz unterschiedlichen Lebensmomenten begleiten, etwa wenn Worte allein nicht ausreichen, um auszudrücken, was einen bewegt, wenn man in einer Phase der Veränderung steht, wenn man seine Ressourcen und seine innere Stabilität stärken möchte oder wenn man sich einfach einen geschützten Raum wünscht, um kreativ bei sich anzukommen.

An dieser Stelle ist eine Unterscheidung wichtig, die oft übersehen wird. In Kliniken und in der Rehabilitation wird Kunsttherapie durchaus auch behandelnd eingesetzt, als Teil eines ärztlich verantworteten Gesamtkonzepts und eingebettet in ein medizinisches Team. Die Behandlung psychischer Erkrankungen findet also in diesem klinischen Rahmen statt.


Die vielen Richtungen innerhalb der Kunsttherapie


Kunsttherapie ist kein einheitliches, starres Verfahren, sondern ein weites Feld mit vielen Ansätzen. Manche Richtungen legen den Schwerpunkt stärker auf das entstehende Bild und seine Symbolik, andere mehr auf den Prozess des Gestaltens, wieder andere auf die Beziehung oder auf die Arbeit in der Gruppe. Es gibt Ansätze, die eng an bestimmte psychologische Schulen angelehnt sind, und solche, die den künstlerischen Vorgang selbst in den Mittelpunkt stellen.


So unterschiedlich diese Richtungen im Detail sind, teilen sie doch eine gemeinsame Grundlage. Immer geht es darum, dem Menschen im kreativen Tun einen ehrlichen, geschützten Raum zu geben, das Erleben ernst zu nehmen und Ressourcen zu stärken, statt zu bewerten. Genau diese Haltung ist der Kern, unabhängig davon, welchem Ansatz eine Kunsttherapeutin folgt. Für einen Menschen, der Kunsttherapie sucht, ist es weniger wichtig, jede Schule zu kennen, als zu spüren, ob die Art zu arbeiten zu ihm passt.


Kunsttherapie und Psychotherapie, wo der Unterschied liegt


Diese Frage wird oft gestellt, und die Antwort schafft Klarheit. Kunsttherapie und Psychotherapie sind zwei eigenständige Disziplinen. Die Bezeichnung Psychotherapie ist in Deutschland gesetzlich geschützt und an eine staatliche Approbation gebunden, und Psychotherapie dient der Behandlung diagnostizierter psychischer Erkrankungen.

Kunsttherapie in freier Praxis ist kein Ersatz dafür. Sie kann eine wertvolle Ergänzung sein und arbeitet mit kreativen Mitteln, wobei der Schwerpunkt auf dem Erleben, dem Ausdruck und der Selbsterfahrung liegt. Wer unter einer akuten psychischen Erkrankung leidet, die eine medizinische Behandlung erfordert, findet bei einer Ärztin, einem Arzt oder einer approbierten psychotherapeutischen Fachperson die richtige erste Anlaufstelle. Eine kunsttherapeutische Begleitung kann dann, in Abstimmung, ergänzend hinzukommen, und eine solche Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Fachpersonen ist mit dem Einverständnis der betreffenden Person selbstverständlich möglich.


Die Grenzen der Kunsttherapie


Zur Ehrlichkeit gehört, auch die Grenzen zu benennen, und es sind mehr, als nur die Abgrenzung zur Psychotherapie. Kunsttherapie ist kein schneller Weg und kein Wundermittel. Innere Prozesse brauchen Zeit, und manches zeigt sich erst nach und nach. Sie ist außerdem keine Diagnose. Ein Bild wird nicht ausgewertet, um etwas über einen Menschen festzustellen, denn die Bedeutung des eigenen Werks bestimmt jede Person selbst.


Kunsttherapie lebt zudem von der eigenen Bereitschaft, sich einzulassen. Sie kann einen Raum öffnen, aber sie kann einem den inneren Weg nicht abnehmen. Auch die Person, die begleitet, arbeitet innerhalb ihrer fachlichen Grenzen und verweist, wenn nötig, an andere Fachkräfte. Und schließlich braucht Kunsttherapie einen sicheren Rahmen. Vertraulichkeit, Freiwilligkeit und eine Begegnung auf Augenhöhe sind keine netten Zugaben, sondern die Voraussetzung dafür, dass dieser Raum überhaupt tragen kann. Wenn eine Begleitung transparent mit diesen Grenzen umgeht, ist das ein deutliches Zeichen für Professionalität.


Ein erster Schritt


Kunsttherapie lässt sich schwer vollständig in Worte fassen, weil sie vor allem im Tun verständlich wird. Wer beim Lesen neugierig geworden ist, findet den vielleicht schönsten Zugang darin, es selbst auszuprobieren.


Es lohnt sich, in der eigenen Umgebung nach einer Kunsttherapeutin oder einem Kunsttherapeuten zu suchen - hier geht es zur Therapeiut:innensuche des DFKGT - und ein erstes, unverbindliches Kennenlernen zu vereinbaren. In einem solchen Gespräch zeigt sich schnell, ob die Art zu arbeiten und die Chemie stimmen, und man bekommt ein Gefühl dafür, ob diese Form der Begleitung die richtige für einen ist. Achte dabei ruhig darauf, dass du dich sicher und ernst genommen fühlst, dass dein Tempo respektiert wird und dass der Raum frei von Bewertung ist. Das sind gute Zeichen, an denen sich eine vertrauensvolle Begleitung erkennen lässt.



Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information über das Berufsfeld Kunsttherapie. Kunsttherapeutische Angebote in freier Praxis sind kreative Selbsterfahrung und Begleitung. Sie sind kein Ersatz für Psychotherapie, psychiatrische oder ärztliche Behandlung. Bei akuten psychischen Erkrankungen wende dich bitte zuerst an eine Ärztin, einen Arzt oder eine approbierte psychotherapeutische Fachperson.


Literaturverzeichnis

Fancourt, D. & Finn, S. (2019). What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review. Health Evidence Network Synthesis Report, No. 67. Kopenhagen: WHO Regional Office for Europe.


Mehr über meine Arbeit: art-vedar.com

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