Forschung, die uns alle angeht. Ein Blick über die Schweiz hinaus für die künstlerischen Therapien.
Im forum für Kunsttherapien, dem Magazin der OdA ARTECURA, ist ein Beitrag von mir erschienen. Geschrieben habe ich ihn in meiner Rolle als Vorstand des Ressorts Forschung und Entwicklung, das die OdA ARTECURA, die Schweizer Dachorganisation der Kunsttherapie, neu gegründet hat. Der Artikel trägt den Titel „Forschung als Zukunft” und beschäftigt sich mit einer Frage, die mich seit Jahren begleitet: Was bedeutet es für ein Berufsfeld wie unseres, wenn es neben der gelebten Praxis auch wissenschaftlich fundiert wird?
Die Kunsttherapie hat eine lange Geschichte des Pioniergeists. Menschen haben sie in Kliniken und sozialen Einrichtungen verankert, lange bevor jemand nach wissenschaftlichen Belegen gefragt hat. Diese Haltung verdient Respekt, und sie wird auch weiterhin tragen, was unser Fach ausmacht. Gleichzeitig verändert sich das Umfeld, in dem wir arbeiten. Gesundheitssysteme fragen zunehmend nach Wirksamkeitsnachweisen, nach nachvollziehbaren Beschreibungen dessen, was in der therapeutischen Arbeit eigentlich passiert. Das ist keine Bedrohung für das Lebendige unserer Arbeit, sondern eine Erweiterung dessen, was wir sichtbar machen können, auch dort, wo bislang vor allem Erfahrung zählte.
Was mich an der Schweiz besonders beeindruckt
Was ich an der OdA ARTECURA besonders schön finde, ist ihre Struktur: Sie vertritt nicht nur eine einzelne Fachrichtung, sondern alle fünf künstlerischen Therapiedisziplinen unter einem Dach, Tanztherapie, Theatertherapie, Musiktherapie und Gestaltungs- und Maltherapie, wie die Kunsttherapie dort oft genannt wird. Diese Bündelung erleichtert vieles: Austausch zwischen den Disziplinen, gemeinsame Forschungsfragen, eine Stimme nach außen.
In Deutschland ist die Verbandslandschaft anders aufgestellt, stärker nach Disziplinen ausdifferenziert. Für die Kunsttherapie steht der DFKGT, der ihre Interessen seit Langem vertritt und zu den mitgliederstärksten Verbänden in Deutschland zählt. Die Musiktherapie hat mit der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) ihren eigenen Verband, daneben bündelt die Bundesarbeitsgemeinschaft Musiktherapie mehrere musiktherapeutische Vereinigungen. Für die Tanztherapie steht der Berufsverband der TanztherapeutInnen Deutschlands (BTD), für die Theatertherapie die Deutsche Gesellschaft für Theatertherapie (DGfT).
Und über alle Disziplinen hinweg gibt es mit der BAG KT, der Bundesarbeitsgemeinschaft Künstlerische Therapien, bereits einen gemeinsamen Dachverband, der sich für die Implementierung künstlerischer Therapien im Gesundheitssystem einsetzt. Auf der wissenschaftlichen Seite gibt es die WFKT, die Wissenschaftliche Fachgesellschaft für Künstlerische Therapien, 2017 gegründet, ebenfalls disziplinübergreifend, mit eigener Fachzeitschrift und jährlichen Fachtagungen. Diese Strukturen existieren also schon, und ich finde, daran sollten wir anknüpfen und sie weiter stärken.
Je enger die künstlerischen Therapien disziplinübergreifend zusammenarbeiten, in der Berufspolitik wie in der Forschung, desto größer und gewichtiger wird unsere gemeinsame Stimme, gerade dort, wo es um Anerkennung und Finanzierung im Gesundheitssystem geht.
Gemeinsam über Grenzen hinweg
Und genau diese Logik lässt sich auch über die Landesgrenzen hinaus weiterdenken. Wir im deutschsprachigen Raum, in Deutschland, der Schweiz und Österreich, teilen eine Sprache, ähnliche Ausbildungstraditionen und vergleichbare Herausforderungen. Wenn wir interdisziplinär und länderübergreifend zusammenarbeiten, wächst nicht nur die Forschung schneller, sondern auch die Kraft, mit der wir für die Implementierung künstlerischer Therapien im Gesundheitssystem eintreten können. Und diese Zusammenarbeit lohnt sich in beide Richtungen: Wir können voneinander lernen, was in anderen Ländern bereits gut funktioniert, wo wir selbst schon weit sind und unsere Erfahrungen weitergeben können, und wo wir uns gegenseitig unterstützen können, statt jeweils allein für dieselben Ziele zu kämpfen.Diese Vernetzung darf an der DACH-Grenze nicht enden.
Kunsttherapie wird international erforscht und praktiziert, und viele wichtige Studien zu unserem Fach kommen aus dem englischsprachigen Raum. Wenn wir uns zu sehr nach innen wenden, verpassen wir den Anschluss an eine globale Fachgemeinschaft, von der wir lernen können und der wir auch etwas zu geben haben.
Gemeinsam weiterdenken
Für mich heißt das am Ende, in mehreren Kreisen gleichzeitig zu denken, ohne dass sie sich gegenseitig ausschließen. Die eigene Praxis bleibt der Ausgangspunkt, für mich persönlich heisst das, dass meine Arbeit in meinem Atelier in Aachen Dreh- und Angelpunkt für mich ist, dort entsteht das, was wir überhaupt erforschen wollen.
Verbände wie der DFKGT, die BAG KT und die WFKT geben uns in Deutschland eine Stimme und eine Struktur, auf die wir bauen können, und an die ich gerne anknüpfen möchte, über die einzelnen Disziplinen hinweg. Der deutschsprachige Raum bietet die Chance, Kräfte zu bündeln, wo wir uns ohnehin verstehen. Und die internationale Fachgemeinschaft zeigt uns, wo wir noch hinwachsen können und wo wir selbst etwas beizutragen haben.
Keiner dieser Kreise ersetzt den anderen. Erst im Zusammenspiel entsteht das, was unser Fach langfristig trägt: eine Kunsttherapie, die aus der Praxis kommt, sich gegenseitig stärkt und auch wissenschaftlich gehört wird, in der Schweiz, in Deutschland, in Österreich und darüber hinaus.
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